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nördlich, nördlicher, 71° 10' 21" Drucken E-Mail
Freitag, 24. Dezember 2010 um 12:44
Nach diesem fahrerisch sehr anstrengenden Tag war die Freude groß, endlich den nicht unbedingt tollsten, dafür aber nördlichsten Punkt unserer Reise zu erreichen, das Nordkap.

Bis dorthin waren es zu Tagesanbruch (ca. 14:00 Uhr in Thomas' und meiner Zeitrechnung) noch gut 100 Kilometer. Die endlos sich entlang der Steilküste dahinschlängelnde Straße wurde nur einmal unterbrochen - von einer Mautstelle. Ca 280NOK (€22) sind für die einmalige Benützung des Straßentunnels, der den falschen nördlichsten Punkt Europas - das Nordkap - mit dem Festland verbindet. In Wirklichkeit ist nämlich nicht das Nordkap, sondern das Nordkinn der nördlichste Punkt Europas. Das Nordkap liegt lediglich auf einer Insel, die durch den besagten Straßentunnel mit dem Festland verbunden ist. Touristisch natürlich wesentlich lukrativer als das Nordkinn, das ca. 20km östlich liegt und nur über einen 14km langen Trampelpfad erreicht werden kann, Einsamkeit pur! Dafür war man dann aber auch am "richtigen" nördlichsten Punkt des europäischen Festlandes.

Dieser Trip ist bei uns zugunsten der Fahrt nach Murmansk ins Wasser gefallen, leider war auch das Wetter nicht gerade einladend für so einen Zweitageswanderung.
Die Insel im hohen Norden wird vom Tourismus beherrscht. 30 Busse warteten am Hafen in der nördlichsten Stadt Europas (Honningsvåg) auf die gut 1500 Gäste des Fährschiffes Costa Magica, um diese ans Nordkap zu bringen. In der kleinen Stadt, die nur ca. 2800 Einwohner hat, trafen wir auch auf ein paar Deutsche, die sich nach einem kurzen Gespräch sehr begeistert von unserer Reise zeigten, aber meinten, dass so eine Tour für sie im fortgeschrittenen Alter nichts mehr sei...
Mit gut gefüllter Geldtasche (damit verbunden niedrigerem Kontostand) und den besten Wünschen für die Weiterreise der Gäste von Costa Magica verabschiedeten wir uns Richtung Nordkap. Nur 40km trennen die Stadt vom berühmten metallenen Globus, der an der Steilküste steht.
Die Fahrt führt durch eine bizarre Landschaft bestehend aus Moos, Felsen und Flechten. Neben vereinzelten Wohnmobilen und Bussen fährt niemand der sehr gut ausgebauten Straße. Hin und wieder ist sie so steil, dass sich selbst der Bus hinter uns einbremsen muss, um einen Auffahrunfall zu verhindern - was solls. 75PS ziehen halt keine Wurst vom Teller.
Die Sicht fällt immer weiter, bald glaubt man die buchstäbliche Hand vor den Augen nicht mehr zu sehen. Fern- und Nebelscheinwerfer bringen keine Besserung, im Schneckentempo rollen wir endlich auf ... huch? offenbar eine Schrankenanlage zu. Aha, die nächste Abzocke. Ein Besuch am Nordkap macht sich bezahlt, insbesonders für deren Besitzer, 400NOK kostet der Spaß für zwei Personen (incl Studententarif).
Die Info, dass die Sonne am Nordkap heuer bisher nur fünf Mal zu sehen war, tröstete uns wenig. Wirklich viel zu sehen war nicht, draußen war es kalt und windig (ohne Winterbekleidung nicht auszuhalten), nicht einmal das Polarmeer konnten wir erblicken.
Im horrenden Eintrittspreis ist auch ein Besuch im örtlichen "Kino" includiert, ein ca. 20min langer Film über die vier Jahreszeiten am Nordkap wird auf einer 125° Breitbildleinwand gezeigt. Die Zeit ist gut investiert, in dem beeindruckend gemachten Film (sehr gute Bilder, tolle Hintergrundmusik) sehen die Betrachter alles, was ihnen wegen des Wetters in der Realität verwehrt bleibt. Ansonsten findet sich in dem Gebäude noch ein asiatisches Museum, Postamt und div. Restaurants oder Bars.



Nach ca. zwei Stunden hatten zumindest wir uns sattgesehen und machten uns auf den Rückweg. Das Wetter, keinen Deut besser, begleitete uns bis zum Tunnel, wo wir wieder einige Kronen für die Maut liegenlassen mussten, ehe wieder europäisches Festland unter die Räder kam.

Viele Straßen verlaufen wie auf dem Reißbrett gezeichnet, schnurgerade, hinauf hinunter, ohne ein Ende zu erspähen. Anfänglich ist die Landschaft karg, typisch nordisch, doch schon bald erscheinen die ersten Fjorde am Horizont. Einzelne Häuser säumen die Hänge, Meeresduft liegt in der Luft und die wenigen Wölken, welche den Himmel bevölkern leuchten ein prächtigen, warmen Farben. Auch wenn die Mitternachtssonne am Nordkap nicht zu sehen war, einige Kilometer südlicher ist das Farbenspiel, was die Sonne in den nächtlichen Himmel zeichnet viel spektakulärer.



Bei leichtem Niederschlag stoppten wir in einer Kehre der wenig befahrenen Straße direkt am Meer. Wie auf Federn geht es sich auf dem leicht sumpfigen und moosigen Hang zum Meer hinunter. Für einen kurzen Augenblick nahm ich den Regen gar nicht mehr wahr, als der Blick über die schöne Landschaft schweifte, das Hirn angestrengt versuchte jedes noch so kleine Detail aufzusaugen. Der dunkle Himmel, das hell erleuchtete Meer, ein Naturschauspiel. Seesterne bevölkern die Steine am Strand, ebenso wie extrem rutschige Pflanzen, die einen schon mal abwerfen können.



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