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Freitag, 24. Dezember 2010 um 10:19
Klingt hart, ist aber so - doch erstmal ganz von vorne: Der gestern gefundene Schlafplatz entpuppt sich als das so ziemlich schönste, was wir seit einiger Zeit gesehen haben. Sauberes Wasser, schöne Landschaft - und angenehme Temperaturen - zumindest im Freien. Das Wasser war 3cm kal.... ähm 15°C warm, was uns aber nicht von einem erfrischenden Schwimmer abhalten konnte. Kurz darauf eindeckte auch ein Fischer das kleine Gewässer für sich (im Gegensatz zu den restlichen bisher gesehen Seen war dieser nicht komplett tot).



Gegen Mittag verließen wir unser Quartier und legten die letzten wenigen Kilometer zur Grenze zurück - fast. Einige hundert Meter davor wandelte sich die eher schlechte Straße in eine noch schlechtere Sandpiste. Mieser Asphalt, Schotter, alles wäre recht - aber Sand? Ehe wir uns versahen war dann auch Schluss - d.h. der Motor trieb die Räder wohl an, aber diese waren im wahrsten Sinne des Worts haltlos. Glücklicherweise kam, ehe die Sandbleche eingesetzt werden konnten, ein LKW vorbei, der auf mein Winken und fuchteln hin fast schon unfreiwillig stehen blieb, dann aber schnell und unbürokratisch half. Flink das 4t Seil an Bus und LKW angehängt (irgendwer sagte einmal, das wir ja so etwas nieeee brauchen würden) und flugs ging die Reise nach hinten, bis das Fahrzeug nach 20m wieder festen Boden unter den Reifen hatte.

Ohne weitere Zwischenfälle erreichten wir die Grenzstation, deren Beamten erwartungsgemäß mit vielen Zetteln und Papieren aufwarteten. In einer Rekordzeit von nur 1,5 Stunden und nach erstaunlicherweise nur einer Durchsuchung des Fahrzeuges konnten wir weiterfahren - zur norwegischen Grenzstation.
Dort wies eine große Tafel darauf hin, dass alle milchhaltigen Lebensmittel aus Russland entsorgt werden müssen, um die Einschleppung von Tierkrankheiten zu verhindern. Da nicht mehr allzuviel Nahrungsmittel aus dem Zarenland vorhanden waren, vertilgten wir einen Teil und der Rest wanderte in die Tonne.

Nach kurzer Wartezeit begutachtete ein Beamter die Pässe, fünf Minuten später konnten wir weiterfahren. Ungläubig fragte ich ihn, ob er nicht die Fahrzeugpapiere oder dgl. brauche. "No, you are Schengen-Members, i'll just take a look at your car and then you can continue your trip". Haha - wir kamen uns vor, als wäre der rote Teppich ausgerollt worden und die Stimmung hob sich gleich um 10 Punkte.

Norwegen ist anders, Norwegen ist westlich. Norwegen ist teuer. Englisch ist kein Fremdwort mehr. Müll landet in den dafür vorgesehenen Behältern, öffentliche Klos werden alle paar Stunden gereinigt. Da könnten sich auch die Mitteleuropäer eine Scheibe abschneiden. Aber all das will auch bezahlt werden - Ein Liter Benzin schlägt sich mit 12NOK (€1,60) zu Buche, die Mahlzeiten in Gasthäusern beginnen bei 160NOK (€20) und für ein paar Lebensmittel (mit denen wir ca. 3 Tage reichten) ist man 480NOK (€60) los.



Doch Norwegen überrascht auch - uns vor allem mit traumhaften Wetter, tiefblauem Meer, saftig grünen Hängen und angenehmen Temperaturen. Keine 20 Kilometer von der Grenze entfernt lief der erste Elch über die Straße, ganz und gar nicht schüchtern, wie viele behaupteten. Die Landschaft wird immer schöner, und bald kamen wir nicht mehr umhin, endlich einmal zu halten und den Ausblick zu genießen. Überall, wo sich ein paar Felsen finden stehen Steinmännchen, die wir natürlich aufstocken müssen - eingestürzt ist noch keines ;-)

Die Strände sind überwiegend von runden oder flachen Steinen gesäumt, weiches Moos und vereinzelte Felsen prägen die küstennahen Wiesen. Zum Baden lädt das Klima allerdings selbst im August nicht ein, bei 20°C ist der Drang sich abzukühlen nicht groß.

Bis zum Nordkap sind es von Kirkenes aus ca. 500 km über die E6 und Route 98. Weil wir dauernd stoppen mussten, um sich an der Landschaft sattzusehen, beschlossen wir ein paar Kilometer vor dem Nordkap zu nächtigen - immerhin war es ja schon fast wieder Mittnacht.

Die wunderschöne Bucht hätten wir nicht verlassen sollen. Eigentlich war sie perfekt, das Lagerfeuer knisterte noch und der Wind fachte es immer wieder an. Beruhigend schallte die Brandung durch die Bucht, eine leichte Brise wehte. Obwohl der neue Tag schon begonnen hatte, fuhren wir wieder weiter um noch ein paar Kilometer zurückzulegen, weil es immer noch über Hundert bis zum Nordkap waren.

Viele Buchten und Kilometer später - irgendwann um kurz vor drei am Morgen übermannte uns doch der Wunsch zu schlafen. Eine Schotterstraße führte Richtung Meer, der wir einige Zeit lang über Stock und Stein folgten, ehe sich auf einmal vor dem Fahrzeug ein Schlammloch auftat, dem ich ausweichen musste. Ein kurzer, prüfenden Blick auf den Boden links von der Straße verriet, dass er zwar nicht perfekt, aber zumindest tragfähig war. Langsam rollte das Fahrzeug in die Wiese, vorbei am Schlammloch, ZACK! - ein Rucker und wir standen. Ein fragender Blick zu Thomas, Rückwärtsgang, vorsichtig Gas - nichts bewegt sich. Vorwärtsgang, doch auch mit Vollgas lässt sich das schwere Fahrzeug keinen Millimeter bewegen. Resigniert stiegen wir aus - oh Schreck! Das Fahrzeug stand ziemlich schief und war auf der linken Seite so tief eingesunken, dass es mit Auspuff und Schweller am Boden auflag. Nun war guter Rat teuer. Wir packten den Wagenheber aus, mehrere Versuche, das Fahrzeug aufzuheben scheiterten an der zu weichen Unterlage oder wegen unzureichender Bodenfreiheit. Demotiviert schlenderten wir Richtung Meer, ein-zwei Kilometer weiter fand sich ein Fischerdorf mit vielleicht einem Duzend Häusern - aber keinem geeignetem Fahrzeug um uns aus dem Schlamassel zu befreien. Fest entschlossen, aber immer noch etwas hoffnungslos gingen wir zurück und kleideten uns dick ein. Das Wetter war schlechter geworden, Wind und Regen fegten mit unangenehmer Geschwindigkeit übers Land. Thomas mit Pyjamerhose um den Kopf, ich mit Haube und beide mit Handschuhen bewaffnet trauten wir uns wieder aus dem sinkenden Schiff um einen letzten Eigenrettungsversuch zu starten.
Die zündende Idee kam mir kurz darauf, der Versuch, das Fahrzeug hinten an der linken Aufnahme für einen Träger aufzubocken war erfolgversprechend. Ein herbeigeschaffter Felsen bot die nötige stabile Unterlage, um den Wagen vorsichtig hochzuheben. Langsam tasteten wir uns heran, der Wagenheber geriet öfters in eine bedrohlich schiefe Lage, so dass wir abbrechen und einen neuen Versuch starten mussten. Doch letztendlich lohnte sich der Aufwand, nach gut einer nervenaufreibenden Stunde war das linke Rad so weit angehoben, dass ein Sandboard darunter passte. Auch rechts konnte das Sandboard mit Tritten und ein wenig Gewalt überredet werden, sich unter das Rad zu klemmen.
Nun kam der alles entscheidende Anfahrversuch - würden die Räder halten? Was wenn sie durchrutschen?
Die Räder hielten nicht. Am Anfang gab es kein wegkommen. Erst nach sehr vorsichtiger Dosierung des Gaspedals und der Kupplung (die dann schon protestierend stank) griffen die Räder auf den Sandboards und bewegten sich einige Zentimeter zurück. Ein prüfender Blick nach draußen, runter von der Bremse, rauf aufs Gas, die Räder fanden Halt auf den Sandboards und das Fahrzeug bewegte sich Meter für Meter zurück – das Fahrzeug waren frei!
Nach einem Freudentanz verstauten wir alle (Fahrzeug)lebensrettende Hilfsmittel und weiter ging die Fahrt hinunter zum Parkplatz, wo ein fahrerisch sehr anspruchsvoller Tag endete.

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