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Murmansk Drucken E-Mail
Mittwoch, 08. Dezember 2010 um 16:26

Die Hafenstadt im Norden liegt auf der östlichen Hangseite am Meer. Stärker als sonst überall in Russland ist hier das Militär präsent. Ausgestellte Panzer, Flugabwehrgeschütze und Statuen oder Gedenkstätten sind keine Seltenheit. Auf dem Hügel nordwestlich des Hafens thront eine große Statue eines Soldaten, die an den Krieg erinnern soll, mehrere Kränze aus Blumen liegen ihr zu Füßen und eine nie erlöschende Fackel flackert im Wind.

Militär, Krieg und Kampf scheinen auch noch in den Köpfen der Bewohner verankert zu sein, es wundert uns sehr, als sich ein frisch vermähltes Ehepaar vor der Statue in Pose wirft und Hochtzeitsfotos knipsen lässt. In Murmansk scheint jeder seinen eigenen Weg zu gehen, vielleicht auch nur ein Eindruck, der entstanden ist, weil die Stadt einen zweifelhaften Ruf hat - soll sie doch die "Atomdeponie" des Nordens sein. Das Zentrum scheint ein Labyrinth des Alltags, des Üblichen, des Gewöhnlichen zu sein. Weder schläft die Stadt, noch pulsiert sie. Das Gebiet ist eine Ansammlung von Siedlungsbauten, mit dem Zweck, viele Menschen auf wenig Raum unterzubringen. Die wenigsten Gebäude sind schön, geschweige davon kunstvoll.

Bis 1991 war Murmansk eine geschlossene Stadt. Das bedeutet Zutrittsverbot oder -beschränkungen für Ausländer und russische Staatsbürger - ein nicht unerheblicher Aufwand wurde betrieben, um die Orte geheim zu halten, oder für Außenstehende den Eindruck zu erwecken, dass es sich bei dem Ort um einen bekannten handelt - der in Wirklichkeit jedoch ganz wo anders lag. Dafür wurden Straßennamen kopiert, ein anderer Name verschleierte den tatsächlichen Wohnort selbst für Verwandte. Die 30km nördlich liegende Stadt Seweromorsk ist heute noch Sperrgebiet. Eine Anzeigetafel mitten in der Stadt ist trauriger Beweis dafür, dass Radioaktivität ein großes Problem ist, neben Temperatur, Luftdruck und Wind informiert sie auch nüchtern über die aktuelle Strahlungsbelastung im Ort.

Den Glanz frührerer Zeiten hat die Stadt. längst eingebüßt - seit die Mauer gefallen ist und damit die UdSSR unterging hat Murmansk seine Bedeutung verloren. Zwar ist der Stützpunkt der Nordmeerflotte immer noch dort, wegen der Wirtschaftslage sind aber viele Einwohner ausgewandert. Das Geld fehlt - im öffentlichen Nahverkehr fahren alte Busse aus Deutschland, viele Nebenstraßen sind übersäht mit Schlaglöchern, wenn sie überhaupt asphaltiert sind. Die Häuser sehen, abgesehen von den Gebäuden direkt in der Stadt nicht wesentlich besser aus.

Trotz der Trostlosigkeit und nicht ohne Hoffnung begeben wir uns in einen Apple Store, wo es üblicherweise Internet gibt - wie auch hier. Wirklich wichtiges lässt sich über die Stadt nicht herausfinden, aber es gibt einige Informationen über (U) Boot-Friedhäfen. Ca. 30km nördlich von Murmansk, in mehreren Buchten sollte der verblichene Nationalstolz der Sowjetunion vor sich hinrosten und ticken, wie eine Zeitbombe, weil die in den Booten verbliebenen Nuklearreaktoren eine große Gefahr für die gesamte Region sein könnten, wenn weiter der Zahn der Zeit an  ihnen nagt.

Unser Interesse ist geweckt und wir beschließen hinzufahren, um den schwimmenden Rostplatz aus der Nähe zu betrachten. Auch in Murmansk - keine Spur vom billigen Russland. Wir werden ein paar Rubel in einem Supermarkt los und tanken, ehe die Reise auf der M18 weitergeht. Nach 30km nordwärts führt eine Abzweigung zu der ersten Bucht. Die letzten Touristen haben wir einige hundert Kilometer südwärts gesehen - schon lange sind wir die einzigen Ausländer. Ein Checkpoint der Polizei stoppt den Vorwärtsdrang - er ist anders, als die restlichen, welche wir passiert hatten. Die Schranken waren stets geschlossen und von Soldaten bewacht.  Am Kontrollposten wurden von jedem die Papiere überprüft - so auch von uns. Mit Händen und Füßen gab er uns zu verstehen dass wir hier nichts verloren hätten - Military Zone. Wir drehten um, aber unsere Neugierde war geweckt. Statt zurück auf die M18 zu fahren ging es weiter Richtung Norden. Der Weg führt in jene Bucht, wo auch die Nerpa-Werft ist - DIE Werft, wenn es um die Abwrackung von U-Booten geht, auch die Kursk wurde dort zerlegt. Immer wieder finden sich entlang der Straße Wracks, die aus dem Wasser ragen, Docks, in welchen die Boote zerlegt werden.

Ein erneuert Stop in einer Ausweichbucht endet verhängnisvoll. Der Polizist in einem langsam vorbeirollenden Fahrzeug wird misstrauisch. Aus den Augenwinkeln sah ich das Bremslicht aufleuchten, kurz darauf schob der Wagen wieder rückwärts die Straße hoch. Von einer bösartigen Vorahnung beflügelt legte ich die Digitalkamera in den Wagen, Thomas entfernte die Speicherkarten. Der Polizist versteht kein Englisch und konnte meine (touristische) Frage, was denn los sei und ob wir etwas falsch gemacht hätten nicht beantworten. Nach einigen Minuten gelang es, ihm begreiflich zu machen, dass wir nach Finnland wollten - doch das genügte Ihm nicht. Er telefonierte mehrmals, rannte schweigend auf und ab. Plötzlich stoppt noch ein - diesmal ziviler - Wagen. Der Beamte checkte seinen Ausweis und startete eine leise Diskussion, obwohl wir kein Wort russisch verstanden, war schnell klar, dass es um uns ging. Viel Wartezeit später und schon lange, nachdem der Zivile uns wieder verlassen hatte, hielt wieder ein Wagen - diesmal mit uniformierten Soldaten, welche mit dem Polizisten einen schnellen Wortwechsel führten.
Nach einer knappen Stunde am Straßenrand und keinerlei Informationen, wegen was wir jetzt eigentlich nicht weiterfahren durften, wurde uns die Situation etwas zu unheimlich. Thomas informierte vorsichtshalber unbemerkbar eine Bekannte in Wien über unsere aktuelle Position, das Kennzeichen des Fahrzeuges und die Dienstnummer des Beamten. Kurz darauf bedeutet er uns, ihm zu folgen. Wir fuhren ein Stück zurück und erreichten den altbekannten Checkpoint am Sperrgebiet. Doch diesmal mussten wir den Wagen abstellen und es uns im Wachraum (un)gemütlich machen. Die Pässe wurden dutzende Male begutachtet, kopiert und ausgedruckt. Immer noch konnte keiner erklären, was eigentlich los war - mittlerweile waren gut zwei Stunden vergangen.

Ein junger Rekrut fasste sich ein Herz und versuchte zu vermitteln - ohne Erfolg. Erst als Thomas zu zeichnen begann konnte er uns klarmachen, auf was wir jetzt eigentlich warteten: Ein General, der auch Englisch sprach, war auf dem Weg zum Stüzpunkt und sollte - damals - in 5 Minuten eintreffen. Eine Stunde und viele Mückenstiche später war immer noch nichts passiert. Die Beamten und Militäristen werden unruhig, irgendetwas scheint nicht zu passen. Wieder wurden Telefonate geführt - wieder erfuhren wir nichts. Dann, plötzlich, kurz vor Mitternacht händigt er uns die Pässe aus. Mit knappen Worten, Händen und Füßen,  und allem Englisch, was er zusammenkratzen konnte redet er eindringlich auf uns ein, dass wir die Straße nach LINKS verlassen müssten und nicht rechts weiterfahren dürfen.

Für diesen Tag war das Pensum an Exekutivbedürfnis erschöpft, der Wunsch, Russland zu verlassen drängte sich in den Vordergrund. So sahen wir von einem weiteren Versuch, die Saida Bucht zu erreichen, ab und brachen in westliche Richtung nach Norwegen auf.

Die Fahrt war einsam, die Strecke anfänglich triest, dann aber hochinteressant. Nach einem Militärcheckpoint, der auf einmal aus dem Nichts auftaucht, führt die Fahrt durch das bisher größte Militärgebiet auf unserer Reise in Russland. Immer wieder säumen Kasernen und Waffenlager den Weg, von meterhohen Zäunen, Stacheldraht, Barrieren und Soldaten auf Türmen, deren Blicke die Grundstücksgrenzen nicht aus den Augen ließen, geschützt.
Panzer an Panzer stehen auf den Parkplätzen, hie und da erspähten wir auch einen Übungsparkur und andere kuriose Einsatzfahrzeuge. Die Landschaft dahinter wird immer schlimmer - trotz dem, dass der Weg wieder in den Süden führt wird die Vegetation immer karger, bis nicht mal mehr Gras oder Moos zu finden ist. Es sieht aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Metallerne Gerüste an den Hängen, verlassene Hallen und riesen Gebäudekomplexe im Tal. Kurz darauf sogar ein Ort in dieser Einöde, und keiner von uns wollte so recht glauben, dass hier jemand lebt. Die Schornsteine der wenigen Industriebetriebe ragen bedrohlich in den Himmel und machen die Stimmung noch düsterer, als sie schon ist.

Kurz nach dem besagten Ort ändert sich die Landschaft schlagartig. Die Umgebung wird wieder vertrauter und freundlicher. Der VW LT zickte wiedermal und ein Stopp war unvermeidlich - doch das Motorruckeln war nach gut einer halben Stunde  behoben, alle Zündelektronikelemente sauber geputzt und - volle Kraft voraus!

Erste hohe Wachtürme und Zäune zeugen von der norwegisch-russischen Grenze. Doch erstmal mussten wir noch einen Checkpoint passieren, an dem uns ein russischer Soldat auf Englisch erklärte, dass die Grenze bis 9:00 Uhr geschlossen sei und wir hier übernachten müssten - na toll. Ein paar Kilometer vor dem Checkpoint fand sich ein gemütlicher Rastplatz an einem See, wo uns auch die Helligkeit nicht mehr vom Schlafen abhalten konnte.

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