Samstag, 23. September 2017
StartseiteImpressumIntern
Home Skandinavien nordwärts in großen Schritten.
nordwärts in großen Schritten. Drucken E-Mail
Montag, 06. Dezember 2010 um 18:58
Wegen der Montags geschlossenen Hermitage beschlossen wir, einen Tag länger in St. Petersburg zu verweilen, um dem Museum aller Museen in der Stadt einen Besuch abstatten zu können - zudem Thomas mit dem internationalen Studentenausweis freien Eintritt hat.

Dank sehr ausgedehnter Nachtruhe waren wir erst am frühen Nachmittag wieder in der Stadt - diesmal mit dem Auto, um nicht wieder Taxidienste in Anspruch nehmen zu müssen. Parken ist in St. Petersburg kein Problem, eine Gebührenverordnung scheint es nicht zu geben, ausgeschilderte Parkplätze waren in der ganzen Stadt kaum zu sehen und geparkt wird prinzipiell am Fahrbahnrand. Theoretisch hätten wir (natürlich nicht offiziell) keine 200m von der Hermitage entfernt direkt im Zentrum campieren können - zum Nulltarif. In Anbetracht der hohen Kosten und des desolaten Zustandes von Camping Olgina wäre das auch die wesentlich bessere Entscheidung gewesen.

Die Hermitage bietet ihren Besuchern viele sehenswerte Kunstwerke - angefangen beim Gebäude selbst. Die Räume im Bauwerk sind prunkvoll gestaltet und eingerichtet, von Raum zu Raum unterschiedlich - jedes Zimmer ist ein neuer Augenschmaus. Da kann es schon passieren, dass man ganz vergisst, auf die vielen Kunstwerke zu schauen, wegen denen man eigentlich hier ist. Angefangen von einer Mumie (die an Ötzi erinnert) über Tafeln mit eingemeißelter Keilschrift, Skulpturen, Büsten, Werkzeug Schmuck usw... bis hin zu Gemälden - alles was das Herz begehrt. Wegen dem Wirrwarr an Gängen, Räumen und Treppen sowie der Vielzahl an Ausstellungsstücken kommt hin und wieder Zweifel auf, ob man das eine oder andere Kunstwerk nicht schon gesehen hat?



Drei Tage intensives Sightseeing fordern ihren Tribut - nachdem uns die U-Bahn wieder zum Auto gebracht hat, waren wir nicht unglücklich darüber, St. Petersburg verlassen zu können. Das allerdings war schwieriger als gedacht - Stau auf allen Straßen, ca. 45 min vergingen bis endlich halbwegs "freie Fahrt" auf der A129 Richtung Norden möglich war.

Der Zustand dieser verschlechterte sich Zusehens, nach den ersten paar Ortschaften blieb davon nicht mehr - wie schon etliche Kilometer davor - als eine Schotterpiste über. Teilweise in derart katastrophalen Zustand, dass wir sie nur im Schritttempo befahren konnten.
Dem Reisegefährt machte das Gerüttle und Gezerre auch zu schaffen. Auf den nächsten Kilometern fielen Licht, Blinker und Scheibenwischer aus, dazu aber später mehr.

In St. Petersburg spekulierten wir schon, ev. nach Murmansk zu fahren. An der Abzweigung zu Finnland war die zuvor nicht ganz ernstgemeinte Idee plötzlich Wirklichkeit. Ade Finnland, Russland ist spannender. Die wenigen Übersichtskarten, welche wir von Russland dabei hatten waren allerdings äußerst dürftig - wir benötigten dringend Kartenmaterial.
So ging die Reise erstmal nur mit OSM Karten weiter. In der Dämmerung dümpelten wir mit ca. 60 km/h durch die Gegend, als hinter einer Kuppe plötzlich die Polizei auf uns wartete. Mist, in der Kurve war doch noch etwas von 40 km/h gestanden? Er zeigte mir seine Radarpistole, die kräftig leuchtend 62 zeigte und sagte irgendetwas auf Russisch. "Pardon? Sorry, I only speak english" bewirkte nur, dass er das eben nicht verstandene wiederholte. Als ich ihm wieder versuchte auf Englisch zu erklären, dass ich nichts verstehe, gab er resigniert auf und lies uns von dannen ziehen - Was für ein Glück.
Wenig später kam die Strafe auf eine andere Art und Weise: Mittlerweile war es fast dunkel, als die Scheinwerfer auf einmal den Dienst verweigerten war es noch dunkler, so ein Mist! Mit missbrauchten Rückfahrscheinwerfer an den Spiegeln, die wir einfach nach vorne drehten ging die Reise weiter - wenigstens war eine Ersatzlichtquelle vorhanden. Natürlich kein Dauerzustand, ein paar Kilometer später stoppen wir, um den Fehler zu beheben.
Scheinwerfer ausgebaut, alle Leitungen durchgemessen, Birnen gecheckt, Schalter gecheckt, niente, nach 1,5 Stunden suchen kein Ergebnis, es blieb dunkel. Etwas deprimiert schlugen wir wenige Kilometer weiter unseren Schlafplatz auf.

Der nächste Morgen begann wesentlich entspannter, nachdem ich den Fehler im Relais gefunden hatte, der Hauptstrompfad war unterbrochen, und ein eingelötetes Verbindungskabel die Funktion übernahm, leuchtete Abblend- und Fernlicht wieder tadellos.

Der Eindruck, den die Orte entlang unseres abseits jeglicher Touristenpfade gelegenen Route hinterlies, lässt sich schwer beschreiben. Als (Mittel)Europäer kann man diese Lebensbedingungen dort nicht annähernd nachempfinden. Kilometerweit geht es durch die Einöde, ehe wieder das eine oder andere Haus auftaucht, Einkaufsmöglichkeiten gibt es so gut wie nie - hie und da ein "Tante Emma Laden", wenn man Glück hat. Die Infrastruktur ist in schlechtem Zustand und dementsprechend auch nicht viel befahren. Lediglich in den größeren Orten gibt es ein paar Flecken Asphalt.



Mitten auf der Strecke dann auf einmal ein Fahrverbotsschild - 50km nach der letzten Abzweigung, einfach so, aus dem nichts. Wir fuhren weiter und erreichen wenige hundert Meter später eine Brücke - bzw. das was davon übrig war. Die verbliebenen Balken sahen nicht sehr vertrauenswürdig aus und darunter rauschte das Wasser. Was tun? Umkehren? Wir überlegten, die Sandbleche unterzulegen, um die Last besser zu verteilen, entschieden uns jedoch dagegen. Besser die Brücke nicht länger als nötig belasten. Thomas stieg aus, ging ein Stück vor und lotste mich auf das marode Kunstwerk russischer Handwerkskunst. Das breite Fahrzeug passte gerade noch auf den halbwegs guten Teil der Überführung. Langsam rollte ich los, es knarzte und krachte. Jedes Geräusch hallte im Kopf wieder, jede Bewegung sog der Körper in sich auf, um die Situation einzuschätzen. Alle Sinne waren hellwach und wir waren erleichtet, als die hinteren Räder endlich wieder auf festem Boden rollten.

Die Häuser in dieser Gegend sind großteils aus Holz, ansonsten aus vielen verschiedenen Materialien zusammengeflickt. Sie wirken jedoch nicht schmuddelig oder ungepflegt, sondern alt und einfach. Fast überall sind kleine Glashäuser zu sehen, sehr viel des Lebensmittelbedarfs wird vor Ort erzeugt und angebaut. Die Siedlungen haben keinen sichtbaren Ortskern, kaum erkennbare und zugewachsene Wege verbinden die Gebäude - wenn überhaupt.

Nachdem an einer Tankstelle endlich örtliche Landkarten erhältlich waren (zuvor konnte man uns in den verschiedensten Orten nicht weiterhelfen, trotz "Ohne-Wörterbuch"), erschien das Ziel, Murmansk zu erreichen wieder realistischer. Nach weiteren 200km Schotterpiste erreichten wir die M18, eine Hauptverkehrsverbindung in den Norden. Landstraßenähnlich, übersäht mit Buckeln und Löchern war sie immerhin asphaltiert und je weiter nördlich man kam, umso mehr besserte sich auch der Zustand.
Die vielen Probleme und das schlechte Vorankommen wäre uns erspart geblieben, wenn wir die Entscheidung nach Murmansk zu fahren schon in St. Petersburg getroffen hätten - von dort aus ist der Ort in ca. 1400km (ca. 2 Tage) zu erreichen.
Auf dem Weg dorthin finden sich immer wieder mal kleinere, mal größere Seen, die scheinbar ziemlich sauber sind und zum Baden einladen. Die Wassertemperaturen lagen zwischen 20-24 Grad. So sauber diese Seen waren, so tot waren sie auch - warum auch immer, Thomas konnte selbst mit Taucherbrille bewaffnet keine Lebewesen unter Wasser entdecken. Die Ufergegenden wären bei allen recht schön und gut zugänglich gewesen, wenn man sie nicht als Deponie missbraucht hätte. Das Umweltbewusstsein lässt grüßen.



Der Umgang mit Kreditkarten ist in dieser Gegend noch nicht geläufig, Für alle Fälle sollte man also immer 1000-2000 RBL Bargeld mithaben, mit einer Tankstelle die gängige Kreditkarten akzeptieren finden sich ca. alle 500km. Dafür ist der Treibstoff sensationell günstig und notierte während unserer Reise bei 25RBL (€0,65) pro Liter.

Die restlichen kleinen technischen Probleme (Blinker, Scheibenwischer) behoben wir im Laufe unserer Fahrt nach Murmansk, von Thomas auch gerne als "Murmelmansk" verniedlicht. Der defekte Blinker war auf eine fehlende Masseverbindung (scheinbar ist auf der Relaisträgerplatte eine Verbindung flöten gegangen), der defekte Scheibenwischer auf eine abgerostete Masseverbindung zurückzuführen. Was hätten wir nur ohne Stromlaufpläne gemacht? Es müssen nicht viele sein, doch manche Unterlagen über die Fahrzeugtechnik zahlen sich definitiv aus.

Ehe wir das letzte Teilstück in Angriff nahmen, deckten wir uns in Kandalakscha, eine stagnierender 38000-Seelen Ort, mit Nahrungsmittel ein. Die Hafenstadt verströmt ländlichen Charakter, da auch hier - typisch in dieser Gegend - ein dicht bebautes Zentrum fehlt (durchschnittlich leben 6 Einwohner pro km² in dieser Stadt). Der Hafen gleicht einer Gefängnisanlage und ist gut geschützt. Der Ort liegt am weißen Meer und über dieses direkt an der Nordpassage.

Die Landschaft auf dem Weg zu der Hafenstadt mit ca. 300000 Einwohnern wird zusehens "nördlicher", kleinere Bäume, lichtere Wälder und tundraartige Flächen. Zwischendrin auch einmal wieder Waldstücke ohne jegliches grün, als wäre ein immerwährender Winter in das Land gezogen. Andere Landstriche hingegen erinnerten an eine Wüste, Geröll, Felsen, Erde, Schotter, hie und da ein Büschel Gras bedeckten den Boden. Sowohl die kargen Felder als auch die abgestorbenen Wälder wirken nicht natürlich, sondern bizarr, wie von Menschenhand verunstaltet.

( 0 - user rating )

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren