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St. Petersburg - Teil 1 Drucken E-Mail
Samstag, 20. November 2010 um 19:04
Nach einer überaus erholsamen Nacht, die wegen der Strapazen am Vortag (leider) bis fast Mittag dauerte, erreichten wir St. Petersburg endlich in den frühen Nachmittagsstunden. Der erste Stop führte uns zur Baumarktkette OBI, denn bei der Schiebetür hinten rechts ging eine Schraube verloren. Wegen dem defekten Gewinde wollte keine so recht passen - so erfüllt eine halbwegs passende Schraube bis heute ihren Zweck, und fällt bei jedem dritten Mal Tür schließen heraus.

Die Verlängerung der Europastraße M18 führt direkt ins Zentrum der Stadt. Dank bis zu vier Spuren pro Richtung ist ein gutes Vorankommen gesichert, wenn nicht, dann erfinden die Fahrer - gemäß den Verkehrsregeln in Osteuropa - einfach eine neue Spur. Wird zwar etwas eng, aber was soll‘s.

Da Laura in Russland ja nicht mehr funktionierte, mussten wir uns auf die Karten der OpenStreetMap (ein freies Kartenprojekt mit dzt. ca. 100000 aktiven Mitgliedern) verlassen. Für Europa bis zum Ural beträgt die Größe der Map ca. 6 GB. Mit NaviPOWM wurde navigiert, aktive Routenführung ist keine möglich.
Obwohl das Programm noch nicht ganz ausgereift ist und öfters den Dienst verweigerte (insbesonders in der Nähe von größeren Seen) funktionierte die Lösung ganz gut, das Kartenmaterial ist sehr umfangreich und genau. Fazit: Empfehlenswert!

Die Camping & Hotelanlage "Olgina" liegt ca. 18km nordwestlich vom Stadtzentrum. Mit dem Auto ist man - je nach Verkehr - ca. 30-45 min unterwegs. Camping ist bis heute in Russland noch recht unbekannt. Der besagte Campingplatz ist der einzige, welcher in der Nähe von St. Petersburg - auch nach intensiver Recherche - zu finden war.
Das Areal bietet einen recht großen Parkplatz, die Hotelanlage wirkt etwas alt, nicht gerade einladend und erinnert an frühere Plattenbauten. All das kann Newcomer wie Thomas und mich wenig schocken - als uns die beiden freundlichen Damen von der Rezeption im sehr kühl wirkendem Foyer den Preis für eine Nacht campen nannten, schluckte ich doch erst einmal. "1800 RBL??" fragte ich ungläubig, "a room in austria is even cheaper", gings in holprigem Englisch weiter. Sie meinte - wir müssten ja nicht bleiben. Ich erklärte ihr, dass wir nur "parken" wollen, keinen Strom benötigen, nichts, nur einen Parkplatz. Nach einigem hin und her meinte die Rezeptionistin, für 900 RBL (ca. €25) pro Nacht könnten wir bleiben. Gut, nicht gerade billig, aber immerhin: Verhandeln zahlt sich manchmal aus.

Eines gleich vorweggenommen: Selbst für eine Woche wäre der Preis unangemessen gewesen.
Der Campingplatz ist ein mehr oder weniger gut gepflegtes Waldstück mit vielen Ruinen, die eher an eine ehemalige Gefängnisanstalt, als an einen Campingplatz erinnern. Im Zentrum steht eine verlassene Snackbar mit vielen zerstörten Sanitärräumen, Verrosteten Elektroverteilerkästen, zerborstenes Glas, usw...
Solche Gebäudekomplexe finden sich über die ganze Fläche verteilt.
Die eigentlichen Sanitäranlagen sind in keinem wesentlich besseren Zustand - untergebracht in Containern wirkt alles billig und schmuddelig. Die Fugen schimmeln, Abflüsse sind verstopft und bei den meisten Duschen funktioniert das Warmwasser nicht. Die Hotelrückseite macht auch keinen gemütlichen Eindruck, überall steht Gerümpel, weiße Scheinwerfer erleuchten den kahlen Platz, Stachel- und Maschendrahtzaun vermitteln ein ungutes Gefühl.
Security gibt es auf dem Campingplatz nur einen, uns wurde geraten, den Wagen vor dem Gebäudekomplex zu parken, damit er ihn im Blickfeld hat. In der Nacht wird der Platz von niemanden bewacht. Schon langsam wird uns auch klar, warum die Gruppe aus Deutschland ihren eigenen Security engagiert hat....



Von der ganzen dubiosen Angelegenheit etwas frustriert machen wir uns auf den Weg in die Stadt. Ein alter, brummender Linienbus gabelt uns auf, 19 RBL kostet die Fahrt zu Metro. Eigentlich nicht teuer - obwohl der Bus ca. 45 Minuten bis zum Ziel benötigt.
Die Metro in St. Petersburg ist quasi Schwarzfahrerfrei. Für jede Fahrt muss eine Metro-Münze eingeworfen werden, die für 22 RBL an der Kassa erhältlich ist. Dafür darf die U-Bahn so lange benutzt werden, bis man mit einer der nicht enden wollenden Rolltreppen (St. Petersburg hat das tiefste U-Bahnnetz der Welt) nach oben fährt.
Nervig: Die dauernde Beschallung (Werbung), auch wenn ich sie nicht verstanden habe.
Die Abstände zwischen den einzelnen Stationen sind bedeutend größer als wie z.B. in Wien. Die Fahrt zwischen zwei Haltepunkten ist eine kleine Weltreise und die Ausstiegsstellen sind alles andere als praktisch, geschweige denn schnell zu erreichen.

Trotzdem führte sie uns in die Stadt, die am Tag der Ankunft in heller Aufruhr war. Später erfuhren wir, dass der Tag der Seeleute gefeiert wurde. Menschenmassen wälzten sich durch die Gassen, viele waren mit Seemannsmützen und gestreiften Shirts gekleidet, von weither schallte Musik.

Sehenswürdigkeiten wie z.B. Jami waren unsere ersten Opfer. Die Peter & Paul Festung thront stolz auf einer kleinen Insel im Zentrum der Stadt. Die 100 Rubel für den Besuch des Felsenganges und des Panoramasteiges waren gut angelegt, erster verschaffte bei den hohen Temperaturen eine angenehme Abkühlung und letzterer bot einen tollen Ausblick.
Über die Brücke "Troitskiy Most" geht es weiter ins Zentrum, rechterhand ist der Winterpalast in Sichtweite und in südlicher Richtung ragen die Zwiebeltürme des Tempels "Savior on the Blood" in die Höhe.
Unzählige Kirchen säumen die Straßen des angeblichen "Venedig des Nordens". St. Petersburg hat seine Reize, gewiss, mit Venedig in einem Atemzug genannt zu werden ist dann aber doch etwas hoch gegriffen.



Mittlerweile sind wir schon ca. 20 Kilometer zu Fuß unterwegs. Busfahren wäre angesagt - oder ein paar zusätzliche U-Bahnstationen. Zwei zuvor via SMS erhaltene Koordinaten von einer wissenden aus dem Heimatland führen zu einem italienischen Restaurant etwas außerhalb des Zentrums. Die Terrasse ist ganz ok, für ein Lokal, das mit einem Bürgersteig als Gastgarten auskommen muss allemal gut genug.
Wer geglaubt habe Russland sei billig, der irrt. In nahezu jedem Restaurant sind die Preise leicht über dem Niveau, wie es in Deutschland oder Österreich üblich ist - so auch in diesem Restaurant. Der frisch gepresste Orangensaft war vorzüglich, die Pasta soweit auch ganz gut, aber ehrlich - so viel falsch machen kann der Koch dabei auch nicht. Zu unserer Freude gibt es auch noch WiFi...



Nachhause kommen ist ein spannendes Thema in der zweitgrößten Stadt Russlands. Busse und Metro fahren bis ca. halb eins in der Früh - zu spät für uns. Neugierig beobachten wir die Menschen am Straßenrand, ein kurzer Fingerzeig reicht, um _irgendein_ Auto stoppen zu lassen. So verschwinden einige Leute vom Straßenrand, bis wir es ihnen gleichtun und skeptisch die Hand ausstrecken. Keine Minute müssen wir warten, bis ein Fahrzeug stoppt. Die Visitenkarte des Hotels reicht ihm, um zu wissen, wo wir hinwollen. Und los geht das Himmelfahrtskommando, ziemlich flott fährt der Chaffeur mit teilweise über 80 km/h durch die Stadt, im Slalom zwischen den langsameren Fahrzeugen - ist er betrunken? Thomas und ich rätseln derweilen, was wohl für die Strecke angemessen wäre - irgendetwas müssen wir Ihnen ja geben, wenn sie schon so "freundlich" sind. 100 RBL erscheint uns OK, als der Fahrer nach nur 25 min vor dem Hotel stoppt.
"NO!" entgegnete er energisch, als ich ihm das Geld entgegenstrecke, "Thats not enough, 500". Okkkay... momentmal, ich dachte es sei nur eine Gefälligkeit, uns mitzunehmen, weil es ja eh auf der Strecke liegt, aber scheinbar war dem nicht so. In Anbetracht der bereits fortgeschrittenen Stunde beließen wir es dabei, sollte er seine 500 RBL haben, in Österreich wäre es angemessen - in Russland gewiss nicht.
Konklusio aus der Sache: Preise immer _vorher_ verhandeln und darauf schauen, bei wem man mitfährt, beispielsweise war meine Tür wegen aktivierter Kindersicherung von innen nicht zu öffnen, ob gewollt oder nicht sei einmal dahingestellt. Als Tourist ist es empfehlenswert, soche "Taxidienste" nie in Anspruch zu nehmen, solange man alleine reist.

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